“Rein pflanzlich” – warum natürlich nicht immer harmlos ist

Johanniskraut

Pflanzen sind unsere grünen Freunde. Sie schenken uns Sauerstoff und Nahrung und Schatten im heißen Sommer. Sie lassen Büros ein bisschen lebendiger wirken und sind das ideale Geschenk für Minimalisten. Und weil Pflanzen so gut für uns sind, trauen wir ihnen häufig mehr als einer Chemiefabrik, wenn es um unsere Gesundheit geht. „Das kann nicht schaden, ist ja rein pflanzlich“ ist ein Satz, den ich ziemlich häufig höre. Dabei ist das ein Trugschluss.

Chemiefabrik Pflanze

Pflanzen sind die besten Alchemisten unseres Planeten. Sie sind in der Lage, eine Vielzahl unterschiedlicher kleiner und großer Moleküle herzustellen. Darunter sind so harmlose Dinge wie Zucker, Aminosäuren, Proteine oder Vitamine, denn Pflanzen sind Lebewesen und brauchen diese Bausteine des Lebens genauso wie wir. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Organismen haben sie einen ganz großen Nachteil: Sie bewegen sich nicht vom Fleck (okay, meistens, es gibt natürlich auch Phytoplankton, das im Meer planscht). Eine Pflanze steht, wo eine Pflanze steht und deshalb muss sie sich vor Fressfeinden besonders schützen.

Pflanzen haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um ihre Rüstung aufzubauen, darunter die Produktion von Giften. Manche davon sind für uns gar nicht bemerkbar, weil sie speziell für eine Larve oder einen Käfer entwickelt wurden. Andere hingegen können uns wirklich gefährlich werden. Meistens müssen wir die Pflanze dafür essen, es gibt aber auch Pflanzen, die allein schon durch Hautkontakt schaden können, die Ongaonga aus Neuseeland zum Beispiel.Ihre Nesseln führen neben brennendem Schmerz auch zu Lähmungen und verzerrter Wahrnehmung.

Auch vor unserer Haustür gibt es eine Vielzahl von Giftpflanzen: Goldregen, Tollkirsche und Maiglöckchen sind nur ein paar und die Liste lässt sich noch eine ganze Weile fortsetzen (mache ich bestimmt auch in der Zukunft :)). Pflanzen sind zwar natürlich, aber per se nicht harmlos – und etwas „rein pflanzliches“ kann uns theoretisch auch sprichwörtlich ins Gras beißen lassen. Obwohl die meisten Gräser eher ungiftig sind. Aber auch schlecht verdaulich.

Rein pflanzlich in Tablettenform

Meistens geht es bei „rein pflanzlich“ aber nicht darum, die Pflanze an sich zu essen, sondern um eine Tablette oder ein Tonikum etc. Das Label beruhigt und macht den Eindruck, dass man es ohne Bedenken nehmen könnte. Zum Teil stimmt das, ein solches Medikament wird einen bei normal dosiertem Gebrauch nicht umbringen. Denn wie alle Medikamente ist es getestet und zugelassen worden. Allerdings können pflanzliche Medikamente auch starke Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingehen. Mein Lieblingsbeispiel hierfür sind Johanniskraut-Drageés. Johanniskraut wird häufig gegen depressive Verstimmungen und Schlafstörungen empfohlen und man kann es in jeder Drogerie kaufen (allerdings nur in niedrigeren bis mittleren Konzentrationen). Aber neben der positiven Wirkung auf die Stimmung spornt Johanniskraut auch unsere Leber an und die Leber ist DAS Stoffwechselorgan des Körpers.

Wenn die Leber besonders viel arbeitet, baut sie auch andere Medikamente schneller ab. So kann es dazu kommen, dass andere Medikamente weniger wirksam werden, weil sie schneller als geplant abgebaut werden. Darunter fallen unter anderem Asthma-Präparate, die Theophyllin enthalten oder auch die Pille. Und vielleicht ist eine Schwangerschaft nicht unbedingt das, was man sich nach einer Depression wünscht.

Daher: ob pflanzlich oder nicht – Obacht beim Medikamentenmischmasch und immer schön den Beipackzettel lesen.

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