Lehre – das Stiefkind des Forscherlebens

Lehre ist kein Kinderpsiel

Diese Woche ist für mich sehr besonders – meine allererste Bachelorstudentin gibt ihre Arbeit ab. Sie kam zu uns mit relativ wenig Laborerfahrung, aber einer großen Motivation zu lernen. Also habe ich mir sie geschnappt und wir sind die nächsten Tage und Wochen im Lab verschwunden. Nach einiger Zeit war sie dann so selbstständig, dass ich mich in ihrem Teilprojekt um gar nichts mehr kümmern musste. Zeigt das jetzt meine krassen Fähigkeiten in der Lehre?

Ich mag es, Wissen zu vermitteln. Schon im Studium war ich Tutorin und habe Proteinbiochemie unterrichtet. Leuten den richtigen Umgang im Labor zu zeigen ist großartig. Allerdings kann man nicht behaupten, dass es nicht anstrengend ist. Gerade bei Neulingen steckt man viel Energie in die Einarbeitung, nicht nur in das „handwerkliche“ (wie halte ich die Pipette?). Genauso wichtig für mich ist immer auch ein gründliches Verständnis der Methoden – warum mache ich was wie? Welcher Schritt ist besonders wichtig und bei welchem ist es nicht entscheidend, ob ich 350 oder 355 µl pipettiere? Und was kann für mich, für meine Kolleginnen und Kollegen oder die Proben gefährlich sein?

Allerdings habe ich keinerlei pädagogische Ausbildung. Als Tutorin wurde ich einfach so eingestellt. Meine Qualifikation war… keine Ahnung, meine Bachelorarbeit? Meine paar Stunden Nachhilfe, die ich als Schülerin gegeben habe? Meine Vortragsweise? Wie auch immer, in zwei Jahren habe ich also vier Kurse geplant, organisiert und unterrichtet, am Ende meiner Zeit gab es dann für mich und die anderen Tutor*innen ein Seminar zu guter Lehre. Für mich vielleicht ein bisschen spät, ich hoffe, die anderen haben da noch was anwenden können.

Lehre bei uns

Mein Institut gehört nicht zu einer Universität. Wir sind also nicht dazu verpflichtet, Studierende auszubilden. Einige meinen sogar, da wir keine Vorlesungen halten, würde Lehre in unserem Arbeitsalltag gar keine Rolle spielen. Und ja, niemand zwingt mich dazu, Studierenden für ein Praktikum oder eine Abschlussarbeit einen Platz anzubieten. Auf der anderen Seite wird es schon von uns erwartet. Und obwohl ich es wirklich genieße, mein Wissen weiterzugeben und durch den „frischen Blick“ von außen auch mein Thema noch mal ganz neu zu sehen, frisst es auch viel Zeit und Energie.

Wenn jemand zu uns kommt, muss das organisiert werden. Der oder diejenige braucht Einweisungen für verschiedene Bereiche unseres Labors. Einiges davon übernehme ich, anderes Technische Angestellte. Ich bin verantwortlich dafür, dass sich „mein“ Studi an die Regeln hält, gut arbeitet und das Labor nicht in Flammen setzt. Ich vertraue ihm oder ihr einen Teil meines Promotionsprojekts an, daher ist mir natürlich auch wichtig, dass meine Proben nicht verhunzt werden. Dabei sind Fehler ganz normal. Wenn etwas schief geht, muss man sich zusammen hinsetzen und überlegen, woran es lag und was man anders machen kann.

Die Studierenden verlassen unser Institut häufig mit sehr viel mehr Wissen und praktischen Fähigkeiten als sie vorher hatten – und das ist auch gut so. Natürlich nehmen sie mir auch Arbeit ab, indem sie an einem Teil des Projekts arbeiten, zu dem ich forsche. Allerdings nur, wenn ich ihnen und ihrer Arbeitsweise vertrauen kann (nur damit das klar ist: bei meiner aktuellen Bachelorstudentin war das gar kein Problem).

Lehre ist das Topping auf dem Cupcake

Was ich aber erschreckend finde: Immer mehr Lehre wird auf die Schultern von Doktorandinnen und Doktoranden gelegt, ohne dass diese eine wirkliche Qualifikation dafür haben. Seminare oder ganze Vorlesungen halten, Praktika leiten, oder eben Abschlussarbeiten betreuen – das sind keine Aufgaben, die man einfach mal so eben nebenbei machen sollte. Wir bilden hier eine neue Generation Forscherinnen und Forscher aus und die Qualifikation, die wir als Lehrende haben ist unsere eigene Forschungstätigkeit. Nur weil ich in einer Sache gut bin, bedeutet dass doch nicht, dass ich sie auch gut vermitteln kann. Wir haben geübt, genetische Codes zu entschlüsseln, aber nicht, Wissen möglichst sinnvoll zu vermitteln. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke „Wie erkläre ich das jetzt so, dass mein Gegenüber das auch versteht?“

Gleiches gilt übrigens auch für Professuren. In meiner Studizeit war ich studentisches Mitglied in einer Berufungskommission. Die Sitzungen dort haben mich zum Teil sehr wütend gemacht: Die Kandidatinnen und Kandidaten wurden zu ihrer Forschungstätigkeit penibel befragt, aber von unserem Studiengang mussten sie gar keine Ahnung haben. Viele hatten nicht mal einen Blick in die Studienordnung geworfen und das war vollkommen in Ordnung. Selbst an der Uni zählt leider nicht, wie gut jemand wirklich ausbilden kann, sondern wie viele Publikationen er oder sie hat.

Und eigentlich sollte das, die Lehre, doch der Kern einer jeden Professur sein. Aber das kommt häufig so als Topping obendrauf. Die Streusel auf dem Cupcake sind zwar ganz nett, aber wenn er keine hätte, wäre es immer noch ein guter Cupcake. Wenn jemand aber keine Lehre machen kann, sollte er oder sie dann an eine Uni kommen?

Ich sage nicht, dass es bei allen Professuren so ist oder dass es bei der Professur so war, die ich begleitet habe, aber ich sehe, dass auf die Qualität der Lehre an den Unis immer weniger Wert gelegt wird. Ich frage mich nur, wer die ground-breaking Ergebnisse von morgen liefern soll, wenn die Studierenden in ihrem gesamten Unileben auf Leute treffen, die ihren Fokus eigentlich nicht darauf haben, eine neue Generation zu unterrichten, sondern zu forschen. Lehre kann stattfinden, wenn irgendwo noch Zeit übrig bleibt.

Wenn ich Abschlussarbeiten oder Praktika betreue, kann ich meine eigene Forschung dem auch nicht völlig unterordnen. Aber ich versuche mir gerade am Anfang viel Zeit zu nehmen, um auch die Prinzipien hinter den Methoden zu erklären. Dadurch brauche ich zum Teil länger für meine eigenen Experimente. Der einfachste Weg für mich wäre es, den Studis einfach ein Protokoll zum Runterkochen in die Hand zu drücken, aber das würde keinen Raum für Fragen lassen und es will doch wirklich niemand eine Horde Roboter mit Bachelorabschluss heranziehen. Die werden eh in den nächsten 10 Jahren durch Pipettiermaschinen ersetzt.

Das wichtigste, das wir Studis beibringen können, ist Fragen und Denken. Dafür würde ich mir häufiger von allen Beteiligten mehr Engagement wünschen – und da nehme ich mich gar nicht aus. Und deshalb müssen die, die Lehre machen, besser unterstützt werden. Von allen Seiten, sowohl finanziell als auch im Hinblick auf ihre Kompetenzen. Bin ich eine gute Lehrerin? Keine Ahnung, vielleicht zufällig schon. Aber wollen wir die Ausbildung von zukünftigen Forscher*innen wirklich dem Zufall überlassen?

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